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AUSSTELLUNGSORTE:
Schloss Holdenstedt
Di - Sa 14.30 - 18.00 Uhr
So + Fei 11.00 - 18.00 Uhr
Galerie im Theater an der Ilmenau
Sa 15.00 - 18.00 Uhr
So 11.00 - 13.00 & 15.00 - 18.00 Uhr
sowie während der Veranstaltungen
Atrium des Neuen Rathauses
am Herzogenplatz

Mo - Mi 8.00 - 17.00 Uhr
Do 8.00 - 18.00 Uhr
Fr 8.00 - 12.00 Uhr
Sa 9.00 - 12.00 Uhr
AKTUELLE AUSSTELLUNG
BBK – Bezirksgruppe Uelzen
"Erinnerungen"


27.11. - 18.12.2016
Eröffnung am Samstag 27.11. um 11:15 Uhr

Galerie des Kunstvereins im Theater an der Ilmenau, Uelzen

Greyerstraße 3





Auf der Suche nach – gelebtem Leben
Bund Bildender Künstler stellt im Kunstverein Arbeiten zum Thema "Erinnerung" aus
Von Barbara Kaiser


Erinnerungen seien falsche Bilder aus echten Details, sagt der Aphorismus. Collagen also, die ein trügerisches Gedächtnis klebt, das Unerwünschtes ausblendet. Ein bunt gerührter Cocktail, der Demütigung schrumpfen und Erfolge wachsen lässt. Eine wehmütige Melange, die der ersten Liebe einen Heiligenschein verpasst und - überhaupt war früher alles besser. Ist das so?
Erinnerung ist ein Duft, ein Bild, ein Lied.

Ich brauche zum Beispiel nur eine Nase voll aus meinen Gewürzgläsern – schon ersteht vor mir das tosende Meer, glitzernde Gischt sprühend. Eine strahlende Sonne, in der freundlich gelassene Menschen flanieren. Eine köchelnde Tajine, aus der es nach Hammelfleisch mit Kardamom, Oliven und Feigen durftet. Marokko!
Als ich vor etwas mehr als 20 Jahren hierher in die Heide zog, es war an einem 1. Dezember, arbeitete die Zuckerfabrik auf Hochtouren. Seitdem ist für mich deren Geruch verbunden mit Weihnachten. Dass Nordzucker inzwischen die Kampagne immer früher beginnt, ändert an dieser Erinnerung nichts: wenn es so riecht, ist – muss - bald Weihnachten sein.

Erinnerungen sind die Türen zu unserer Identität, sagen die Psychologen. Eigentlich bestehen wir komplett aus diesen munteren Wesen, die Vergangenheit meist vergolden, Ballast oder Anker sind, Trost und Ermunterung, Rechtfertigung auch, Therapie vielleicht.
Die Mitglieder des Bundes Bildender Künstler (BBK) haben sich in diesem Jahr für ihre Ausstellung im Kunstverein, wo sie aller zwei Jahre zu Gast sein dürfen, das Thema „Erinnerungen“ gewählt. Für die Einladung zum Beispiel hat Wilhelm B. Tarnow das Wort in Großbuchstaben sieben Mal abgewandelt. Es erscheint ganz fern in Blassgrau, wird nach und nach farbkräftiger, bis es schließlich als himmelblaue Verzerrung, dafür aber sehr gegenwärtig, erscheint. Brauchen wir erst die Distanz fürs Geraderücken des Erlebten?

Es ist wieder eine sehr schöne Ausstellung geworden im Theaterkeller, die noch bis zum 18. Dezember geöffnet sein wird, trotz oder gerade wegen der unterschiedlichen Formate und Darstellungen. Mehr Künstler als sonst haben teilgenommen, von 19 Malerinnen und Malern sind knapp 50 Bilder und Skulpturen zu sehen. Alle begeben sich, mehr oder weniger typisch, auf eine Reise. Schufen Arbeiten, die den Menschen und den Künstler ausmachen. Sie sind – wie Proust – auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Mit viel Emotion, mit Verstand und in dem Bewusstsein, dass der Betrachter nicht mit allen sehr persönlichen Angeboten etwas anfangen können wird.

Unmöglich ist, zu jedem etwas zu sagen. So viel aber kann als gesichert gelten: Es sind Werke, die Bilder wachrufen (können), die in uns (ebenfalls) angelegt sind. Ein Versuch:
Da sind zum Beispiel die „Erinnerungsräume 1-3“ von Renate Schmidt. Ich weiß von ihr, dass sie die Häuser von Eltern und Schwiegereltern auszuräumen hatte – das Los der Kinder. Am Ende stand sie dann in den leeren Räumen, wo auf der Tapete Dinge ihre Abdrücke hinterließen, die dem Bewohner einmal etwas bedeuteten. Familienfotos vielleicht. Jetzt sind die Zimmer nach langen Jahren Leben unbewohnt. Ich selbst habe auch in solchen „besenreinen“ Wohnungen gestanden, sie sind ein wohl bitterer Ort, der Vergänglichkeit überdeutlich macht.

Fröhlicher und vor allem haptisch nahm Rena Meyer das Thema, indem sie das englische Wort Memory als das Spiel begreift, in dem die Erwachsenen gegen Kinder verlässlich verlieren: Sie stellt drei Tafeln, 70 x 70 Zentimeter groß, mit jeweils 36 Magnetkärtchen aus, die der Besucher gerne bewegen darf und zuordnen kann. Da will der Buddhakopf zu seinem Pendant, das Fahrrad findet den Wegweiser, das Gesicht der „Sitzenden“ von Helga Brugger auf dem Gelände des Lessing-Gymnasiums ist die Erinnerung an die Schulzeit der Künstlerin.

Singuläre Reiseerlebnisse bannten zum Beispiel Helmut Bredtmeyer, Brigitte Jerosch-Dürfeldt, Marlis Bredin und Heinrich Heeren aufs Papier. Drei zarte „Norddeutsche Landschaften“ in Pastell und Kreide wecken die Sehnsucht nach Urlaub. Der „Chinesische Nationalzirkus“, wir wissen es, steht für eine maximale Disziplin und Perfektion, der eine unglaubliche Leichtigkeit beigesellt ist. Meeresrauschen und die Frage „Do you remeber?“ lassen ganz viel Raum für Assoziationen. Und das Bild von „Poseidonia zweieinhalbtausend Jahre“ entführt zum Weltkulturerbe nach Süditalien, wo die Griechen im Jahr 600 v.Chr. eine Stadt gründeten, vor deren Resten nicht nur Goethe und Seume fasziniert standen.
Gerade angesichts dieser Heinrich-Heeren-Aquarell-Federzeichnung fällt dem Betrachter ein, dass die Erinnerung immer auch historisch, nicht nur eng-privat sein kann. Sein muss.

Die BBK-Künstler befeuern sowohl die individuelle wie auch die gesellschaftlich relevante Erinnerung. Waldemar Nottbohm zum Beispiel hat außer seinen Skulpturen das geätzte Kunststoffbild „Gomorrha“ mitgebracht. Eine düstere, großformatige Arbeit, die die anglo-amerikanischen Bombenangriffe auf die Städte Nazi-Deutschlands thematisiert. Der Krieg kam zu seinem Ausgangspunkt zurück und bescherte der Zivilbevölkerung Sodom und Gomorrha, die Strafe biblischen Ausmaßes, für den auch von ihr mitangezettelten Weltenbrand.

Die Ausstellung des BBK ist auch eine seltsame Schwebe zwischen Idylle und Schmerz. Zwischen Erinnerung der wunderbarsten Momente und drohendem Erinnerungsverlust oder Verdrängung (Vera Dornfeldt).
Kunstbesprechung ist ja immer so, wie des Kaisers neue Kleider loben. Machen Sie sich selbst ein Bild! Tauchen Sie ein in die Erinnerungen, die eigene Identität erst ausmachen, dass sich diese beiden determinieren und voneinander anhängen, wusste schon der englische Philosoph und Aufklärer John Locke. Erspüren Sie zu den Bildern die für Sie passenden Töne oder Gerüche, sinnen Sie einem Lächeln nach oder einer Liebeskummerträne…

Barbara Kaiser - 25. November 2016

Barbara Kaiser: Auf der Suche nach – gelebtem Leben; Bund Bildender Künstler stellt im Kunstverein Arbeiten zum Thema "Erinnerung" aus (pdf)
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